Die biologische Uhr des Getreides

14.04.2009 Schule & Wissen

Im April schosst das Getreide – Das Längenwachstum der Langtagpflanzen kommt durch mehrere Faktoren in Gang

Ist das Wintergetreide nach der Aussaat im Herbst erst einmal aufgelaufen, tut sich scheinbar über Monate nichts mehr auf dem Acker. Im Winter stoppt das Wachstum, es bilden sich allenfalls noch einige Seitentriebe an den jungen Pflanzen. In die Höhe wachsen sie jetzt noch nicht. Das ändert sich im April. Innerhalb weniger Wochen streben die Halme der Pflanzen kräftig in Richtung Sonne: So beginnt die so genannte Schossphase. Das liegt nicht nur an den steigenden Temperaturen. Viele Faktoren beeinflussen die biologische Uhr des Getreides. Auch der Landwirt kann mit Wachstumsregulatoren steuernd eingreifen.

Getreide reagiert auf Tageslänge

Das Längenwachstum setzt ein, wenn die Lichtphase eines Tages länger als die Nacht ist, also in Mitteleuropa etwa ab Ende März. Der lange Lichtreiz beendet die Bestockung der Pflanze – so heißt die Entwicklung von Seitentrieben – und leitet das Wachstum der Halme aus den Seitentrieben ein.

Je nach Getreideart und -sorte müssen die Tage dafür zwölf bis 15 Stunden lang sein. Damit gehört Getreide ebenso wie Raps zu den Langtagpflanzen . In der Pflanzenevolution hat diese Eigenschaft dem Wintergetreide einen bedeutenden Vorteil für das Überleben in unserer Klimazone eingebracht. Die Pflanze lässt sich von milden Herbst- und Wintermonaten nicht „irritieren“ und bildet noch keine Halme und Ähren. Dadurch bleibt sie in empfindlichen Phasen von Frösten verschont und reift immer im Sommer ab.

Neben den Lichtphasen gibt es weitere Einflussfaktoren, die den Schosstermin nach vorne oder nach hinten schieben können. Wintergetreide benötigt nämlich auch Kältereize, um Blüten zu bilden und in das Längenwachstum überzugehen. Der Fachbegriff dafür lautet Vernalisation. Je kälter ein Winter ist, desto früher neigt die Pflanze zum Schossen, je milder der Winter, desto später beginnt das Längenwachstum. Auch damit „schützt“ sich die Pflanze: Wenn sie noch nicht gefröstelt hat, „rechnet“ sie immer noch mit dem dicken Ende und verschiebt das Hauptwachstum vorsichtshalber auf eine spätere Jahreszeit. Es gibt aber auch Sorten, die besonders auf Wärme reagieren. Mehrere frühlingshafte Tage mit ausreichend hohen Temperaturen hintereinander reichen aus, um sie zum Schossen zu animieren.

Landwirt kann Wachstum beeinflussen

Pflanzen konkurrieren um Licht. Das gilt auch für Getreide. Pflanzen, die sehr dicht zusammen stehen, neigen dazu sich gegenseitig in die Höhe zu treiben. Sät der Landwirt also viel Saatgut aus, wird das Getreide früher schossen. Umgekehrt kann der Landwirt den Schossbeginn auch verzögern. Mit Wachstumsregulatoren sowie Wachstum beeinflussenden Pilz- und Unkrautbekämpfungsmitteln lässt sich die Bestockungsphase verlängern. Das ist besonders dann sinnvoll, wenn sich nach einer späten Aussaat im Herbst und einem langen Winter noch nicht genügend Seitentriebe gebildet haben. Aus jedem Seitentrieb kann eine Ähre hervorgehen. Eine ausreichende Ährenzahl pro Quadratmeter ist die Voraussetzung für hohe Erträge. Getreidepflanzen mit kurzem, kräftigem Halm sind widerstandsfähiger. Regen und Sturm können sie weniger leicht knicken oder gar umwerfen. Deshalb steuern Landwirte das Längenwachstum mit Wachstumsreglern, um sich eine gute Ernte zu sichern.

Sommergetreide braucht keinen Winter

Sommergetreide wird im März oder April ausgesät und geht direkt bei den entsprechenden Tageslängen in die Schossphase über. Sommerweizen und -gerste benötigen aufgrund anderer genetischer Eigenschaften im Gegensatz zu Winterweizen und -gerste keine Kältereize, um zu schossen. Im Laufe des Frühsommers wird der Entwicklungsvorsprung des Wintergetreides aufgeholt, so dass die Ernte ebenso im Juli und August stattfinden kann. Allerdings sind die Erträge im Durchschnitt geringer.