Amaryllis – Ritterstern am Blumenhimmel

10.12.2009 Haus & Garten

Blütenpracht mitten im Winter! Ausgefeilte Produktionstechnik macht es möglich

Am Niederrhein wird auch im Winter geerntet: in großen, gläsernen Gewächshäusern. Geschützt vor Wind und Wetter wachsen hier Schnittblumen rund ums Jahr. Im Dezember hat die Amaryllis, auch Ritterstern genannt, Hochsaison. Als Solist oder als Mittelpunkt von Sträußen ist der dekorative Stängel mit den üppigen Blüten jetzt besonders begehrt. Neben ihrer Größe besticht die Amaryllis durch Haltbarkeit: Bis zu zwei Wochen bleibt sie in der Vase frisch.

Ein Dutzend Gartenbaubetriebe hat sich am Niederrhein zwischen Krefeld und Hamminkeln auf den Unterglas-Anbau des Zwiebelgewächses Amaryllis (Hippeastrum vittatum) spezialisiert. Auf einer Fläche von rund zwölf Fußballfeldern (80 000 Quadratmetern) wachsen jedes Jahr vier Millionen der bis zu 80 Zentimeter langen Amaryllis-Stängel heran. Die Ernte zieht sich von Oktober bis in den Februar hinein und erreicht Mitte Dezember ihren Höhepunkt. In Spezialkartons mit jeweils zwölf oder 20 Stängeln liefern die Betriebe ihre Ernte an das Blumenauktionshaus in Straelen. Dort werden sie an Großhändler aus dem In- und Ausland versteigert. Diese Spezialisierung auf den Amaryllis-Anbau ist weltweit einzigartig und auf die Zentren am Niederrhein und in den Niederlanden konzentriert.

Rot und weiß dominieren

Bis zu vier Blüten krönen die Amaryllis-Stängel. Bei der Ernte sind die Knospen noch fast geschlossen. Nur dort, wo sich die Kelchblätter leicht geöffnet haben, ist die Blütenfarbe erkennbar. Sie reicht von rot über lachsfarben bis weiß, wobei es mittlerweile auch mehrfarbige Blüten gibt. Die „Roter Löwe“ (Red Lion) und „Ferraris“ genannten roten Sorten dominieren, sagt Pankraz Gasseling, Fachberater der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen. Auf Platz zwei liegen die weißen, wie zum Beispiel die Sorte „Mont Blanc“. Die Farbe ist nicht das einzige Kriterium, das zählt. „Wichtig ist die Stängelqualität“, erläutert Pankraz Gasseling. „Wenn sie zu dick sind, passen sie nicht in die Kartons. Sind sie zu dünn, können sie in der Vase das Gewicht ihrer Blüten nicht tragen“. Für die Vermarktung ist auch eine bestimmte Stängellänge erforderlich. Diese ist nicht nur von der Sorte abhängig, sondern auch von den Kulturbedingungen.

„Dem Winter ein Schnippchen schlagen“

Das Zwiebelgewächs Amaryllis benötigt für den Eintritt in die generative Phase – die Voraussetzung für die Ausbildung der Blüte – eine Kälteperiode. Aus diesem Grund werden das Pflanzsubstrat, in dem sich die Zwiebeln befinden, und das Gewächshaus im Sommer gekühlt. „Im Gewächshaus kann man die Kühlphase vorziehen und so dem Winter ein Schnippchen schlagen“, erklärt der Berater, „Deshalb ist es möglich, die Zwiebeln im Oktober anzutreiben und dann ab Spätherbst zu ernten.“ Ist die Kühlphase nicht lang oder nicht kalt genug, treiben die Zwiebeln weniger kräftig. Das kann dazu führen, dass der Stängel kürzer oder schwächer wird.

Das Zwiebeljahr im Glashaus

Die Zwiebeln werden im Januar in Aluminiumwannen in ein Substrat (Leca-Ton oder Blähton, Perlite-Granulat oder Flugsand) gepflanzt; etwa 25 Zwiebeln pro Quadratmeter. Die Aluminiumwannen sind mit Rohrleitungen ausgerüstet, durch die wie bei einer Fußbodenheizung entweder heißes, oder zur Kühlung im Sommer kaltes Wasser fließt. Im Januar beheizt der Gärtner das Pflanzsubstrat auf 20 bis 22 Grad Celsius, damit die Zwiebeln möglichst schnell zu wachsen beginnen. In dieser vegetativen Wachstumsphase entwickeln sich Laub und Blütenanlage. Bis Juli sammeln die Zwiebeln die Kraft, die sie in der generativen Phase zur Ausbildung der Blütenstängel benötigen.

Im Juli täuscht der Gärtner den Winter vor: Er senkt die Bodentemperatur in den Zwiebelbehältern auf 13 bis 15 Grad Celsius ab. Zehn Wochen muss die Kühlphase andauern. Im Oktober entfernt der Gärtner das Laub der Zwiebeln, damit die Stängel ungehindert treiben können. Wenn jetzt die Temperatur im Pflanzsubstrat auf 22 Grad Celsius steigt, treibt jede Zwiebel zwei Stängel.

Pflanzenschutz für Zwiebeln

Bis zu sieben Jahre können gesunde Amaryllis-Zwiebeln genutzt werden. Gesunde Pflanzen sind die Vorraussetzung dafür, dass sich die hohen Investitionen der Spezialbetriebe lohnen. Die Verwendung von Aluminiumwannen und Pflanzsubstrat ist notwendig, weil Zwiebeln ungeschützt im Ackerboden zu stark von Nematoden geschädigt werden. Diese mit dem bloßen Auge kaum erkennbaren Fadenwürmer würden die Wurzeln der Zwiebeln abfressen und dadurch so schwächen, dass eine langjährige Nutzung kaum möglich wäre. Vor Schadinsekten (Spinnmilben, Thripse , Läuse) schützen die Gärtner ihre Zwiebeln in der Regel mit zugelassenen Insektiziden. Nützlinge können nur außerhalb der Kälteperiode eingesetzt werden. Problematisch sind Woll- und Schmierläuse, die unter den Zwiebelschalen vor Insektiziden geschützt sind. Vor dem Fäulepilz Botrytis hilft nur eine vorbeugende Fungizid-Behandlung der Zwiebeln beim Pflanzen. Sorgen bereitet der Schadpilz „roter Brenner“ (Stagonospora): Er befällt das Laub und ist an den rötlichen Verfärbungen erkennbar. Bei starkem Befall schwächt er Zwiebel und Blüten.