"Am Brunnen vor dem Tore ..."

15.09.2016 Haus & Garten

Fraß- und Saugschäden durch Schädlinge trüben die Pracht von Linden

Die Winter-Linde (Tilia cordata) ist Baum des Jahres 2016. Linden sind Bäume von kulturhistorischer Bedeutung. Früher gab es in vielen Dörfern und Ortschaften Mitteleuropas eine Dorflinde, Zentrum und zentraler Treffpunkt des öffentlichen Lebens. Hier wurde sich ausgetauscht, es wurde Brautschau gehalten, unter dem Blätterdach der Linde fanden Tanzfeste statt (Tanzlinde), aber auch öffentliche Gerichtsverhandlungen wurden abgehalten (Gerichtslinde). Schließlich wurden nach kriegerischen Auseinandersetzungen zum Friedensschluss Friedenslinden gepflanzt. Den Germanen und Slawen galt die Linde als heiliger Baum. Die Linde soll den Liebesgöttingen Freya und Aphrodite geweiht worden sein. In unserem Volkslied „Am Brunnen vor dem Tore“ steht sie ebenfalls im Mittelpunkt. Auch heute noch ist sie Namensgeber für Straßen, Hotels, Gaststätten („Zur Linde“) oder Einkaufscenter. Linden können nur dann ihre ganze Schönheit und Pracht entfalten, wenn sie rechtzeitig vor Schäden geschützt werden. Hauptsächlich werden die Bäume durch Schädlinge beeinträchtigt. Einige regelmäßig auftretende Schädlinge im Überblick:

Lindenspinnmilbe - Eotetranychus tiliarium

Die Blätter zeigen zunächst in der Nähe der Adern zahlreiche, sehr kleine helle Flecken. Später bekommen die Blätter auf der ganzen Spreite ein schmutzig grau-grün gesprenkeltes Aussehen. An der Blattunterseite sitzen die etwa 0,4 Millimeter großen hellgelben bis grünlich-gelben Spinnmilben, meist in einem feinen, kaum sichtbaren Gespinst.

Bei warmem, trockenem Wetter ist mit einer Massenvermehrung zu rechnen. Im Laufe einer Vegetationsperiode werden drei bis fünf Generationen ausgebildet. In warmen Jahren sind die Bäume im Hochsommer oft so stark befallen, dass sich das Laub braun verfärbt und vertrocknet. Es kommt schließlich zu einem vorzeitigen Blattfall. Solche Schäden sieht man vor allem bei Straßenbäumen. Von den Spinnmilben wird kein Honigtau produziert. Der klebrige Belag, der manchmal unter den Bäumen zu finden ist, ist die Folge eines Blattlausbefalls. Die Spinnmilben überwintern als sogenannte Winterweibchen unter Laub und Moos am Grund der Bäume oder in der obersten Bodenschicht.

Bei großen Bäumen sind direkte Gegenmaßnahmen mit Akariziden nur begrenzt im unteren Kronenbereich oder bei Jungbäumen möglich. Über die Bekämpfungsmöglichkeiten informiert und berät der amtliche Pflanzenschutzdienst.

Blattläuse (Lindenzierlaus) - Eucallipterus tiliae

Meist ab Sommer entsteht auf den Blättern ein glänzend-klebriger Überzug durch die Honigtau-Ausscheidungen der Blattläuse. Auf den Befall wird man durch den in großen Mengen von den Bäumen herab tropfenden Honigtau aufmerksam, der alles unter dem Baum, zum Beispiel Autos, Fahrräder oder Parkbänke, klebrig verschmutzt. Bei Straßenlinden kommt es durch einen starken Blattlausbefall auch zu auffälligen Verunreinigungen des Pflasters unter den Bäumen. Die sich auf dem Honigtau ansiedelnden Rußtaupilze verstärken die Verschmutzung. Die Bäume werden allerdings kaum nachhaltig geschädigt.

Die 1,8 bis 3 Millimeter großen Blattläuse sind schwarz und gelblich gefärbt, die Larven sind grünlich-gelb und tragen auf dem Rücken schwarze, mehrmals unterbrochene Linien. Die Tiere überwintern mit den im Herbst an den Bäumen abgelegten Eiern. Hier schlüpfen im Frühjahr die Larven. Sie leben in Kolonien an den Jungtrieben und den sich entfaltenden Blättern. Die Vermehrung lässt im Hochsommer nach, steigt zum Herbst aber wieder an.

Bekämpfungsmaßnahmen sind mit den gegen Blattläuse bzw. saugende Insekten an Zierpflanzen im Freiland zugelassenen Mitteln möglich, lassen sich aber bei älteren, hohen Bäumen praktisch schwierig umsetzen und lohnen in der Regel nicht, da bis auf die Verschmutzung unter den Bäumen kein wesentlicher Schaden verursacht wird.

Kleine Lindenblattwespe - Caliroa (syn. Eriocampoides) annulipes

An Baumkronen von Linden ist ein von weitem sichtbares, von unten nach oben fortschreitendes Verbräunen des Laubs sichtbar. Die einzelnen Blätter verdorren und rollen sich häufig ein. Beim näheren Hinsehen erkennt man einen Schabe- bzw. Fensterfraß. Er wird von bis zu ein Zentimeter großen, hellgrünen, schleimigen, Nacktschnecken ähnlichen Blattwespenlarven hervorgerufen. Von den Tieren wird ab Mai das Gewebe blattunterseits soweit weggefressen, dass nur noch die Oberhaut stehen bleibt. Je nach der Witterung ist mit zwei bis drei Generationen jährlich zu rechnen. Die ausgewachsenen Larven verpuppen sich im Boden. Die letzte Generation überwintert auch. Ab Mai des Folgejahres schlüpfen die Blattwespen und legen ihre Eier in das Gewebe an der Unterseite der Blätter. Das Auftreten mehrerer Generationen erklärt auch, dass es möglich ist, zwar die typischen Schäden an den Bäumen, jedoch nicht zu jeder Zeit auch die Blattwespenlarven zu finden.

Frei stehende Bäume in Alleen, Parks oder auf dem Dorfanger werden bevorzugt besiedelt. Besonders gefährdet sind junge Linden, denn der Blattverlust kann die Gehölze empfindlich schwächen. Von dem Schädling werden auch Birke, Eiche und Buche befallen.

Ab Mai sollten die Linden regelmäßig kontrolliert werden, um nach Konsultation mit dem amtlichen Pflanzenschutzdienst ggf. geeignete Gegenmaßnahmen mit gegen beißende Insekten zugelassenen Mitteln vorzunehmen.

Gallmilben – mehrere Arten

In den letzten Jahren sind vermehrt verschiedene Gallmilben-Arten (Eriophyes-Arten) an Lindenblättern beobachtet worden. Durch die Gallmilbe Eriophyes lateannulatus (syn. E. [tiliae] rudis) werden häufig auf den Blättern der Winter-Linde 0,5 Zentimeter lange, keulige, zur Spitze verschmälerte und am Ende meist abgerundete Hörnchengallen verursacht. Sie stehen auf der Blattoberseite zerstreut, sind anfangs grün gefärbt und werden später rötlich bis bräunlich. Ähnliche Symptome mit bis zu 1,5 Zentimeter langen Hörnchengallen rufen Eriophyes tiliae tiliae an der Sommer-Linde und Eriophyes tiliae tomentosae an der Silber-Linde hervor.

Die Filzgallmilbe Eriophyes leiosoma (syn. E. tiliae liosoma) ist zunächst an weißlichen bis rötlichen, dann braunen, filzigen Haargallen auf den Blättern, meist an deren Unterseite, zwischen den Adern zu erkennen.

Beim Auftreten der Nervenwinkelgallmilbe Eriophyes exilis entstehen in den Winkeln von Blattnerven rundliche Ausstülpungen oberhalb. Aus den blattunterseits offenen Gallen ragen feine Haarbüschel heraus.

Die durch die genannten Gallmilben hervorgerufenen Symptome sind zwar sehr auffällig, doch blieben Schäden bisher meist gering. Im öffentlichen Grün waren bislang keine Gegenmaßnahmen erforderlich. Sollte es beispielsweise in Anzuchtquartieren zu einem nicht vertretbaren Schaden kommen, muss der amtliche Pflanzenschutzdienst in der Frage einer optimalen Bekämpfung konsultiert werden.