Vom Pferdeersatz zur Hightech-Maschine

03.11.2016 Forschung & Technik

Moderne Traktoren können mehr als Ihr Auto

Sie fahren zwar nicht mit 200 km/h über die Autobahn, sondern „nur“ mit 50 auf der Landstraße. Aber ansonsten sind moderne Traktoren wahre Alleskönner. Sie strotzen nur so vor Kraft, sind aber auch prall gefüllt mit filigraner Technik. Damit erledigen die Maschinen so ziemlich jede Aufgabe, die es rund um einen landwirtschaftlichen Betrieb gibt. Und das sehr effizient und komfortabel.

„Wie macht man den denn an?“ So lautet oft die erste Reaktion, wenn Besucher auf dem Hof auf einen Traktor klettern und auf dem Fahrersitz Platz nehmen. Kein Wunder, denn aktuelle Modelle haben jede Menge Schalter, ein oder mehrere Touchscreen-Displays und Joysticks. Dahinter verbergen sich wesentlich mehr Funktionen als in einem PKW.

Großer Hubraum, viel Drehmoment

Während die Leistung von Mittelklassemodellen mit 150 PS durchaus mit Mittelklasse-PKWs vergleichbar ist, gibt es in anderen Punkten aber Unterschiede: 50 km/h Höchstgeschwindigkeit, sechs Zylinder, 6,8 Liter Hubraum, 702 Newtonmeter maximales Drehmoment, 350 Liter Tankinhalt, 6,2 Tonnen Leergewicht und 5,1 Tonnen maximale Zuladung hat zum Beispiel ein Traktor-Modell von John Deere. Auch andere Traktoren-Hersteller, zum Beispiel Claas, Fendt, oder Deutz-Fahr, bieten Modelle mit ähnlichen Ausstattungen an.

150 PS hören sich nicht sonderlich beeindruckend an, aber Traktoren ziehen locker 30 Tonnen schwere Anhänger. Geradezu mickrig wirken da die 1,3 bis 2,1 Tonnen, die zum Beispiel ein Audi A4 oder ein 3er BMW ziehen dürfen. Bei Transportfahrten stehen elektronisch gesteuert noch mal 15 bis 30 PS mehr zur Verfügung. Mit etwas mehr Power kann der Fahrer schneller beschleunigen und Steigungsstrecken leichter bewältigen.

Durchdrehende Reifen sind dank des zuschaltbaren Allradantriebs normalerweise kein Thema. Geschaltet werden moderne Traktoren übrigens nur noch selten mit dem bekannten Schalthebel und Kupplung. Oft bedient der Fahrer einen stufenlosen Antrieb nur noch mit dem Gaspedal. Zum Teil werden robuste Doppelkupplungsgetriebe eingebaut, die ohne Zugkraftunterbrechung die Gänge wechseln. Diese Technik kommt aus dem Automobilbau und wird dort von vielen Herstellern unter dem Kürzel DSG oder DCT verbaut.

Lenksystem entlastet Fahrer, spart Zeit und Diesel

Die Elektronik beeinflusst bei immer mehr Traktoren nicht nur die Leistung, sondern steuert sie auch zentimetergenau über den Acker. Das geschieht durch ein automatisches Lenksystem und einem Satellitensignalempfänger auf dem Kabinendach. Der Fahrer braucht beispielsweise bei der Getreidesaat nicht mehr selbst zu lenken, sondern kann sich voll und ganz auf die Kontrolle der Arbeit konzentrieren. Überlappungen durch ungenaue Fahrweise werden vermieden. Das spart Zeit, Diesel und Saatgut, und beim Einsatz von Düngerstreuer und Pflanzenschutzspritze auch Mineraldünger und Pflanzenschutzmittel . Am Ende des Feldes angekommen, drückt der Fahrer einen Knopf, und die Maschine führt vorher abgespeicherte Arbeitsschritte selbstständig aus: Die Heckhydraulik hebt zum Beispiel die Kreiselegge an, die Zapfwelle zum Antrieb der Kreiselegge wird abgeschaltet und die Fronthydraulik hebt den Untergrundpacker an. Der Wendevorgang erfolgt so viel schneller und ist für den Fahrer weniger anstrengend. Die erledigten Arbeiten dokumentiert ein Bordcomputer. Die Daten können anschließend vom Landwirt an seinem Computer im Büro ausgewertet werden.

Ein großer Komfort sind die heutigen, modernen Fahrer-Kabinen. Sie sind sehr gut gefedert, leise und selbstverständlich klimatisiert. Große Fensterflächen ermöglichen eine optimale Rundumsicht. Radio, CD-Player, Bluetooth, Freisprecheinrichtung und USB-Anschluss lassen keine Wünsche offen. Sogar Kühlfächer zum Frischhalten von Speisen und Getränken für einen langen Arbeitstag befinden sich in den Kabinen. Oft wird bis in die Dunkelheit auf dem Feld gearbeitet. Kein Problem, der Landwirt schaltet einfach das Licht seines Traktors an – eine ganze Batterie an Arbeitsscheinwerfern am Fahrzeug macht die Nacht zum Tag auf dem Feld.

Die ersten Traktoren ersetzten Pferde und Ochsen. Sie zogen ausschließlich Geräte über den Acker. Heute treiben sie die Geräte zusätzlich an. Dafür haben sie vorne und hinten verschiedene Schnittstellen. Unter anderem rotierende Wellen, sogenannte Zapfwellen, und Hydraulikanschlüsse. Seit einigen Jahren werden sie durch Steckdosen ergänzt, die Strom, zum Beispiel für den Betrieb eines Düngerstreuers, eines Schweißgeräts oder eines Winkelschleifers, liefern. Mit einem angebauten Frontlader kann der Landwirt typische Radladerarbeiten mit seinem Traktor erledigen. Mit Schaufel oder Gabel können Traktoren zwei Tonnen in die Höhe wuchten.

Breitreifen sinnvoll

Für Autofans sind Breitreifen ja bekanntlich besonders wichtig, bestimmen sie doch stark die Optik des Fahrzeugs. An einem Traktor sind zum Beispiel vorne 60 und hinten 65 Zentimeter breite Reifen mit jeweils großen Durchmessern montiert. Aber nicht wegen der Optik, sondern um den Boden zu schonen. Eine große Aufstandsfläche bedeutet weniger Bodendruck. Um die Fläche noch zu vergrößern, senkt der Landwirt auf dem Feld den Reifendruck auf unter ein bar ab. Positiver Begleiteffekt: Bei einer größeren Aufstandsfläche verzahnen sich die Stollenreifen besser mit dem Boden – ihre Zugkraft steigt dadurch.